Leseproben aus "Treibgut"

Kapitel: Deutsch-Eylau, Seite 25:

Irgendwann nach Mitternacht beginnt plötzlich die Sirene zu heulen. Mein Gott, was soll das bedeuten? Der Blockwart kommt :"Bitte sofort die Stadt verlassen! Die Russen kommen! Schnell! Hertha weiß vor Aufregung nicht, was sie tun soll. Da - in allerletzter Minute - steht ihre Mutter vor der Tür! Die ist, kaum zu glauben in diesem Durcheinander, tatsächlich noch mit einem fahrplanmäßigen Personenzug von Thorn nach Deutsch-Eylau gekommen! Unglaublich - aber Tatsache. Während die russischen Panzer fast ungebremst nach Westen rollen und jeden Augenblick mitten in Deutsch-Eylau sein könnten, fährt ein Personenzug der Deutschen Reichsbahn aus Richtung Westen kommend in den Hauptbahnhof von Deutsch-Eylau ein! Nachts um 1:00 Uhr, genau nach Fahrplan. Als ob nichts geschehen sei!

Kapitel: Deutsch-Eylau, Seite 28/29:

Wem in dieser unendlichen, elenden Kolonne ist wohl bewusst, dass er ein Teil der Geschichte ist, ein winziges Rädchen in einem großen Weltgeschehen? Daß tausend Jahre deutscher Geschichte im Osten Europas schon in wenigen Monaten unwiederbringlich beendet sein werden?...Die Straße will kein Ende nehmen. Das Elend auch nicht. Tote Pferde liegen da am Straßenrand, tote Hunde, Schafe, auch Hühner. Und immer wieder umgestürzte Fahrzeuge, Leiterwagen - teilweise noch voller Gepäck, hastig zurückgeklassen.

Irgendwo ein Stopp. Militär ist plötzlich da. Deutsche Panzer. Ein Offizier tritt auf Alma zu, blickt auf (den Hund) Minka und sagt nur: "Geben Sie mir den Hund! Ich nehme ihn mit in den Panzer." Minka. Wie hatte sie sich gegen die Flucht gewehrt! Immer wieder wollte sie zurück, dorthin, wo sie doch zu Hause war. Minka war nicht mehr die Jüngste. Das Laufen fiel ihr schwer, sehr kalt war es auch, dazu die vielen fremden Menschen. Minka will nicht mehr weiter, sie kann es wohl auch nicht. Der Offizier mochte das bemerkt haben. "Geben Sie mir den Hund, bitte!" Sie geben ihm den Hund. Der will sich nicht trennen. Immer wieder zerrt er an der Leine, sieht sich verzweifelt nach seinen Frauchen um. Die können diesen Abschied kaum ertragen und möchten am liebsten gar nicht hinsehen. Dann verabschieden sie sich aber doch. Minka dreht sich noch einmal um, bevor sie hinter den Panzer gezogen wird. In ihren Augen ist totales Unverständnis. Den Schuß hinter dem Panzer hören die Frauen nicht …

Kapitel: Stargard, Seite 64:

Robert Jungk wird dieses Land (nach der polnischen Besetzung) am 16. November 1945 in der in Zürich erscheinenden "Weltwoche" so beschreiben:

"…hinter der Oder-Neisse-Linie beginnt das Land ohne Sicherheit, das Land ohne Gesetz, das Land der Vogelfreien, das Totenland…Man mache es sich nicht leicht und tue es als Gräuelpropaganda ab. Zu oft schon hat man in den letzten Jahren dem unvorstellbar Entsetzlichen nicht glauben wollen, zu oft haben diejenigen, denen Enthüllungen unangenehm sein mussten, sie als "Lügen" oder "Propaganda" abgetan; es ist wahr, dass in dem Orte G. auf öffentlichem Platze Mädchen, Frauen, Greisinnen von Angehörigen der polnischen Miliz vergewaltigt wurden. Es ist wahr, dass auf dem Bahnhof von B. sämtliche Flüchtlingszüge regelmäßig derart ausgeraubt wurden, dass die Insassen nackt weiter gen Westen reisen müssen. Es ist wahr, dass … die von Syphilis angesteckten Frauen als "Behandlung" einfach einen Kopfschuß erhalten. Und es ist wahr, dass eine Selbstmordwelle durch das Land geht."

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Zitate zur Lage

Die Austreibung der Deutschen aus ihrer eigenen, in mehr als Tausendjähriger Kultur… ausgestalteten und unverlierbar gebliebenen Heimat war Völkermord.
(Jakob Altmaier (SPD) 1954 im Deutschen Bundestag)