Leseproben aus „Entkommen!“

Nächtlicher Abschied, Seite 11:

Klirrende Kälte. Der Wind trieb Schneeflocken vor sich her, die sich ein Plätzchen auf Dächern, Zäunen und Straßen suchten. Die kleine Stadt lag friedlich und still unter einer weißen Decke.
„Lutz, schnell, aufstehen!“ Die Stimme meiner Mutter klang anders als sonst.
Sie hatte mich aus tiefem Schlaf geweckt, und ich fand nur langsam in die Wirklichkeit.
„Was ist los?“
„Schnell, beeil dich. Du musst dich anziehen!“
„Warum, was ist?“
„Die Sirene. Hörst du nicht die Sirene? Sie heult schon die ganze Zeit!“ Tatsächlich, jetzt hörte ich sie. Immer wieder der klagende Ton. Ein Ton, der durch Mark und Bein ging. Dazu mischten sich andere Geräusche: Stimmen, knirschende Schritte im Schnee, hastende Menschen … Es war Nacht, bitterkalte Nacht. 20° C Frost sollen es gewesen sein, starker Schneefall und Wind, der den Schnee aufwirbelte und den Menschen ins Gesicht blies. Es war die Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1945, zwischen 1:00 und 2:00 Uhr früh …

Deutschland, Rußland, Barbarossa. Exkurs, Seite 37:

Am 1. September 1939 marschierte Deutschland in Polen ein. Das fühlte sich sicher, zumal die Tinte auf seinen Beistandsverträgen mit England und Frankreichschon getrocknet war. Geholfen hat es Polen aber nicht, jedenfalls zunächst nicht. Denn Deutschland überrannte Polen in 18 Tagen, und Rußland besetzte, wie im Zusatzprotokoll vereinbart, noch im selben Monat den östlichen Teil Polens. Es wollte wiederhaben, was Polen ihm 1920 – auch hier hatte der „Versailler Vertrag“ Pate gestanden – genommen hatte, nämlich Teile Weißrußlands und der Ukraine. Am 18. September 1939 erklärte die Sowjetunion in einer offiziellen Note, Polen trage die Schuld am Kriege. Und am 30. September schließlich schrieb Stalin selbst in der Parteizeitung „Prawda“, daß England und Frankreich Deutschland angegriffen hätten und die Verantwortung für den Krieg trügen.

Eine verwirrende Situation.

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Zitate zur Lage

Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Zukunft.
(Jüdische Weisheit)