Deutsche Flüchtlinge - plötzlich mit "Migrationshintergrund"?

Sie flohen aus ihrer deutschen Heimat oder wurden aus ihr vertrieben - rund 15 Millionen Menschen und ein ungewisses Schicksal. Das war vor mehr als 60 Jahren.

Wer von ihnen in die sowjetische Besatzungszone kam, durfte sich aber nicht so nennen - Flüchtling, oder gar Vertriebener. Vertriebener? So etwas konnte/durfte es doch im kommunistischen Machtbereich nicht geben! Nein, "Umsiedler" wurden sie genannt - so, als ob sich diese Menschen gerade neue, schönere Siedlungsgebiete gesucht hätten. Freiwillig natürlich. Die Propaganda wollte es so.

Diese Schönfärberei blieb nicht auf den Machtbereich der SED beschränkt. Jahre später hielt ein westdeutscher Bundespräsident eine viel beachtete Rede. Richard von Weizsäcker war es, der 1985 zwar über Flucht und Vertreibung sprach, sie aber nicht so zu nennen wagte. Bei ihm wurde daraus die "Erzwungene Wanderung", also eine Art Sonntagsspaziergang, zu dem man nur keine rechte Lust verspürt hatte. Eine Entschuldigung hat man nie von ihm vernommen.

Kürzlich nun machte die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen (NRW) mit einem ganz neuen Gedankengang von sich reden. In einem Bericht über die Zusammenarbeit NRW : Polen hieß es unter anderem:

"Zurzeit leben insgesamt etwa 305 000 Deutsche mit polnischem Migrationshintergrund und ca. 109 000 polnische Staatsbürger in Nordrhein-Westfalen."

Wen meinte die Landesregierung damit? Polnische Zuwanderer - oder etwa deutsche Flüchtlinge, also Landsleute aus dem Osten und ganz ohne "Migrationshintergrund"? Es ist ja einiges möglich im Deutschland von heute, und so waren denn aufmerksame Bürger auch hinreichend sensibilisiert. Sie fragten nach in Düsseldorf. So einfach aber, wie eigentlich zu erwarten, war die Antwort offenbar nicht. "Die Angelegenheit wird zur Zeit in unserem Hause überprüft", hieß es im Januar. Jetzt ist diese Prüfung abgeschlossen. Der Staatssekretär für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien entschuldigte sich in einem sehr höflichen Brief für "Missverständnisse" und die "historisch unzutreffende Verbindung". Das ist zu respektieren.

Wer den letzten Stand des entsprechenden Schriftwechsels einmal nachlesen möchte - bitte hier.



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Zitate zur Lage

Der Versuch, eine Aufarbeitung der Vertreibung der Deutschen zu unterbinden, weil dies angeblich einer "Aufrechnung" gleichkomme, verkennt die Menschenrechte der Vertriebenen und somit schließlich der übrigen Menschen. Es ist Hohn und Unbarmherzigkeit den Opfern gegenüber. Der Vorwurf der Aufrechnung kommt aus der Waffenkammer des Totalitarismus, in dem das Individuum nichts gilt. Der Vorwurf der Aufrechnung bedeutet Diffamierung und zugleich eine Einschüchterung der Opfer…
(Prof. Alfred M. de Zayas, US-Völkerrechtler und Historiker)