Verloren haben wir alle, wir Deutschen


Es ist heraus. Erika Steinbach darf keinen Platz haben in einer Institution, die doch ihr geistiges Kind ist. Zusammen mit Peter Glotz hatte sie es erdacht, entwickelt und sich prominente Unterstützer gesucht. Doch das reichte nicht. Die Politik, wie wir sie - mit wachsender Verwunderung - seit Jahren in Deutschland kennen und nahezu fürchten gelernt haben, war wieder stärker. Der Kompromiß, der jetzt als "gute Lösung" verkauft wird - das ist der vorerst letzte ungute Akt in diesem deutschen Drama.

Fünfzehn Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Etwa drei Millionen haben dabei ihr Leben lassen müssen. Die Zahl der vergewaltigten Frauen, viele von ihnen mehrfach, wird auf zwei Millionen geschätzt. Jedes Land auf dieser Welt hätte Erinnerungstempel gebaut, um dieser Menschen in Trauer zu gedanken. Es hätte einen nationalen Gedenktag geschaffen, um eine solche Tragödie auch bei kommenden Generationen im Bewußtsein zu halten!

Und Deutschland? Das duckt sich weg. Das erschrickt immer wieder vor sich selbst. Ehrungen von Opfern, wo immer sie in der Welt zu beklagen sind, da ist Deutschland dabei - mit tröstenden Worten, oft auch mit Geld. Doch wenn es sich um deutsche Opfer handelt, dann wird es ziemlich still im Land - eine Folge geschichtlicher Selbsterniedrigung, in die wir uns manövriert haben. Schließlich glauben ja viele von uns wirklich, was uns seit 1945 eingebläut wurde. Die alleinige Täterschaft unserer Väter und Großväter und all das Elend, das dieses Land über die Welt gebracht haben soll. "Erst, wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang gefunden hat in die Geschichtsbücher der Besiegten und von der nachfolgenden Generation auch geglaubt wird, kann die Umerziehung als wirklich gelungen angesehen werden" (Walter Lippmann, New York Times).

Nach vielen Jahren des politischen Streits und der ängstlichen Rückfragen in Warschau gab es nun endlich ein abschließendes Konzept für die "Stiftung Flucht. Vertreibung, Versöhnung" - nicht so, wie ursprünglich geplant, doch immerhin. Endlich. Nur Erika Steinbach, die Präsidentin des Vertriebenverbandes, störte. Sie hatte es als Abgeordnete im Deutschen Bundestag doch tatsächlich gewagt, gegen die Anerkennung der Oder-Neisse-Linie als neue deutsche Ostgrenze zu stimmen! Das machte starke Kräfte des linken Spektrums rebellisch. Gemeinsam mit Gesinnungsfreunden in Polen gelang es ihnen schließlich, die Pläne Erika Steinbachs für ein Zentrum deutscher Erinnerungskultur zu demontieren. Gab es etwa keine Bundesregierung, die um die Bedeutung derartiger Zeichen für Identität und Zukunft eines Volkes weiß? Glaube das, wer will. Der Außenminister jedenfalls fuhr nach Polen und gab dort eine Anti-Steinbach-Versprechung ab. Die Bundeskanzlerin, gar Freundin von Erika Steinbach genannt, hüllte sich in Schweigen. Jetzt nun der Kompromiss. Keine Erika Steinbach im Stiftungsrat, aber drei Sitze mehr für die Vertriebenen - bei fünf weiteren Sitzen mehr für alle anderen. Wie gefährlich müssen die Vertriebenen nur sein? Wahrlich, ein niederschmetterndes Ergebnis!

Polen ist zufrieden - wie lange?


Wer hat gewonnen? Polen hat gewonnen. Es hat sogar einen Sieg in der deutschen Innenpolitik errungen. Es kann mit sich und seinen deutschen Politikerfreunden zufrieden sein - und ist es auch. Doch wann kommt die nächste Intervention, um deutsche Interessen zu konterkarieren?

Wer hat verloren? Außer Polen - alle. Alle haben verloren. Die Bundeskanzlerin, weil sie sich an einer Entscheidung vorbei gemogelt hat. Außenminister Westerwelle, der sich fragen lassen muß, welches Land er eigentlich vertritt. Die Vertriebenen, weil sie Jahr für Jahr den Solidaritätsbekunden der Politik vertraut haben. Und jetzt? Den größten Verlust hat dieses Land zu beklagen. Seine Erinnerungskultur ist erneut beschädigt. Was immer an ein paar Quadratmetern mehr in Berlin bereitgestellt werden mag - ein fader Nachgeschmack wird bleiben.

Es ist ja nicht nur das Gedenken an die Vertriebenen, das einen bestimmten Politiker-, Intellektuellen- oder Medientypus zivilisatorische Mindeststandards vergessen lässt. Wie zum Beispiel stellen sich unsere "Funktionseliten" zum alliierten Bombenterror? Dresden zeigt es in diesen Tagen zeigen. Wie zu der Umtauf-Manie deutscher Hochschulen und Straßen? Gerade noch konnte verhindert werden, dass die ehrwürdige Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald einem solchen Namenswechsel zum Opfer fiel - vorläufig verhindert. Der "Bildersturm" auf die deutsche Geschichte, so ist zu befürchten, wird anhalten. Thorsten Hinz in der "Jungen

Freiheit" vom 12. Februar: "Die moralische Berechtigung und Lebensfähigkeit der Bundesrepublik hängt wesentlich davon ab, wie sie sich zu den Opfern der nationalen Katastrophen stellt, also zu ihren gefallenen Soldaten, den Vertriebenen, den Bombenopfern."

Bleibt da noch Hoffnung? Das Beispiel, das der Kampf um die Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" bietet, macht geradezu mutlos.



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Zitate zur Lage

Der Versuch, eine Aufarbeitung der Vertreibung der Deutschen zu unterbinden, weil dies angeblich einer "Aufrechnung" gleichkomme, verkennt die Menschenrechte der Vertriebenen und somit schließlich der übrigen Menschen. Es ist Hohn und Unbarmherzigkeit den Opfern gegenüber. Der Vorwurf der Aufrechnung kommt aus der Waffenkammer des Totalitarismus, in dem das Individuum nichts gilt. Der Vorwurf der Aufrechnung bedeutet Diffamierung und zugleich eine Einschüchterung der Opfer…
(Prof. Alfred M. de Zayas, US-Völkerrechtler und Historiker)